RAPKARTELL

BabyBlue – My Life’s Prayer


Dass man es bei „My Life’s Prayer“ nicht mit einem normalen Album zu tun hat, erkennt man schon an der Aufmachung. Für ein Independentrelease geradezu sensationell, wieviel Arbeit hier auf das Artwork vollbracht wurde – da man in diesem Genre ja eher an lieblos hingeklatschte Shoutouts oder Fuck Yous oder auch mal zwei leere weiße Seiten als Booklet gewohnt ist, merkt man schnell, dass der Mann aus Georgia in diesem Album sein ganzes Leben widerspiegeln wollte. Wie bei den ganz alten Alben von etwa Ice-T sind die sämtlichen Lyrics beider CDs in den Booklets (ja, es gibt zwei) abgedruckt; tatsächlich sind es die Texte von BabyBlue auch wert. Auf den beiden CDs „Chapitre Un – The Book Of Light“ und „Chapitre Deux – The Book Of Darkness“ wird sich mit Licht und Schatten, Schuld und Sühne, Drogensucht, der Verlogenheit der Kirche, der Familie, Problemen mit dem Gesetz und immer wieder Gott auseinandergesetzt, um nur Auszüge zu nennen – kurz, BabyBlue behandelt hier jedes Thema, das sein Leben bisher bestimmt hat.

Als ob das noch nicht genug wäre, hat dieser Mann auch ein unglaublich facettenreiches Stylepaket auf dem Kasten. Mal twistet er wie nichts gutes, mal singt er (übrigens erstaunlich gut), mal faucht und kreischt er und teilweise kombiniert er das auch alles. Zudem imitiert er auf dem Album unter anderem einen Pastor und mehrere Polizisten. Es wäre hier nicht der Platz, auf jeden der sage und schreibe 26 Tracks einzugehen, die auch noch alle um die 5, 6 Minuten lang sind, mit einer Ausnahme alle ohne Feature auskommen und alle von BabyBlue höchstselbst produziert sind. Von daher sollen einige der interessantesten Beispiele zeigen, was Blue hier so alles bietet: „This Little Piggy“ etwa handelt seinen Auseinandersetzungen mit der Polizei, wobei er eine herrliche Kombination aus Singsang und unfassbar schnellem Twisten abliefert. „The Devil’s Advocates“ ist eine Abrechnung mit der Kirche; selbst ein streng gläubiger Christ (als verantwortlichen Produzenten hat er „Jesus Christ“ angegeben), prangert er hier alles an, was seiner Meinung in der Kirche falsch läuft: „Only Christians kill Christianity with a fake lifestyle of hypocrisy“ Dass er mit pädophilen Pastoren (alias „cock-sucking devilish bastards“) abrechnet, liegt ja ohnehin auf der Hand. Suizidgedanken werden unter anderem in „Hopeless“ geäußert, in „Temptation“ beschreibt er seine Drogenabhängigkeit. Den Schlusspunkt des Albums stellt „Forgiven“ dar: Eigentlich bin ich kein Freund von Tracks auf Rap Alben, bei denen ausschließlich gesungen wird, aber in einer derart beeindruckenden Form kann man das ruhig tolerieren.

Beeindruckend ist ohnehin das Wort, dass dieses Doppelalbum aus dem Jahr 2005 am trefflichsten beschreibt. BabyBlue hat hier völlig auf eigene Faust Musik geschaffen, die thematisch, stilistisch und auch produktionstechnisch auf einem ganz hohen Niveau ist. Über etwas überflüssige Tracks wie „Bust Back“ oder etwas zu häufige Gesangseinlagen kann man da meiner Meinung nach problemlos hinwegsehen. „My Life’s Prayer“ verdient es, gehört zu werden – nicht nur von Rap Fans.

8,5/10

2005 Maskil Records