Esham – Tongues
Konventionell war an der Karriere von Esham eigentlich nichts – nicht sein Debütalbum „Boomin Words From Hell“, das er 1990 mit sage und schreibe 13 Jahren veröffentlichte, nicht die von ihm begründete Stilrichtung des „Acid Rap“, nicht seine Fähigkeit, sich immer wieder von unterschiedlichen Musikrichtungen inspirieren zu lassen und sich doch immer wieder selbst treu zu bleiben.
Das im Jahre 2001 veröffentlichte „Tongues“ bildet da keine Ausnahme. Für sein mittlerweile neuntes Soloalbum hat Esham die Beats abermals in Koproduktion mit Santos gemacht und im Vergleich zum Vorgänger „Mail Dominance“ die experimentelle Schiene etwas eingeschränkt; das Album ist zwar ebenfalls sehr abwechslungsreich produziert mit etwa gelegentlichen Gitarrenriffs und vielen Tempowechseln, es geht hier aber wieder mehr in die Richtung wütender Hardcore-Rap. Auch thematisch konzentriert sich E im Gegensatz zum Vorgänger wieder vornehmlich auf die Themen, die seine Karriere schon immer bestimmt haben – Hass, Depression, Drogenmissbrauch und überhaupt Aussagen, die andere nichtmal zu denken wagen würden („I ain’t lyin’ about abortion, ’cause you can kill the fetus, but you can still hear your baby cryin’“). Neu ist zudem das Thema Eminem. Dieser hat zwar Esham mal als einen seiner größten Einflüsse bezeichnet, doch Esham fühlte sich insbesondere durch D-12 nicht wertgeschätzt als „King of Detroit“. Also knüppelt er drauf, wo es nur geht – im großartigen „Mr. Negativity“ noch unterschwellig, da hier allgemein die Falschheit der Rapindustrie Thema ist, an vielen Stellen allerdings auch namentlich, wie zum Beispiel in „Chemical Imbalance“ oder „Gloczup“. Im Gegensatz zu früheren Alben hat sich Esham außerdem eine ganze Menge Features herangeholt. Seine Natas-Kollegen Mastamind und TNT überraschen natürlich nicht, abgesehen davon sind aber zum Beispiel die Dayton Family, Kool Keith, Violent J von der Insane Clown Posse (auf „Panic Attack“ – total gestörter Stoff) und sogar die Pornodarstellerin Heather Hunter zu hören – überraschenderweise gehört „All Night Everyday“ mit ihr und Kool Keith sogar zu den besten Tracks des Albums.
Dass von insgesamt 24 Tracks nicht jeder überzeugen kann, ist eigentlich nicht anders zu erwarten. Insgesamt hat Esham hier aber mal wieder ein richtig gutes Stück Acid Rap abgeliefert – aus heutiger Sicht würde ich sogar sagen, dass es sein letztes richtig starkes Soloalbum war. „Tongues“ ist nicht ganz so stark wie seine Klassiker „KKKill The Fetus“, „Closed Casket“ oder „Dead Flowerz“, aber trotzdem noch besser als ein Großteil der nach 2000 in Michigan erschienen Alben. Zartbesaitete sollten die Finger davon lassen.
7,5/10
2001 Overcore/Gothom Records
